Totengilde "Unserer lieben Frauen Gilde"

Deutschlands älteste Sterbekasse

In Bevensen existiert eine alte Gildelade aus dem Jahre 1703 aus schwerem Eichenholz. Dicke schmiedeeiserne Beschläge umschließen Deckel und Seitenfluchten, und an der Vorderfront, wiederum in solider Schmiedearbeit, die schwarz verräuchert ist vom Zahn der Zeit, sieht man drei Schlösser und drei geschmiedete Schlüssel. Man liest, vom Schnitzer einst säuberlich in steifen, gestelzten Buchstaben hineingeschnitzt: „W.H. Gifhoren: Hoeft: Gillad: 1703.“

Es ist die alte Gildenlade der Totengilde von Bevensen. Gifhoren, der damalige Bevenser Bürgermeister, ließ sie 1703, nachdem die alte schon morsch geworden war, im Dienste der Gilde, damit das Vermögen schön beieinander blieb, neu anfertigen. Drei Schlüssel gehörten dazu und drei Gildebrüder mußten anwesend sein, wenn die Lade geöffnet wurde.


Zu den Kostbarkeiten der Totengilde zählen zwei handgeschmiedete Silberleuchter, die mit der Mutter Maria und dem Jesuskind als Wahrzeichen geschmückt sind.


Schon von den Langobarden ist unser Bevensen besiedelt gewesen und die Namen Bavo, Bebe und Beve deuten auf noch ältere Beziehungen hin.

Hier an der Ilmenau im Bardengoh lagen die festen Plätze gegen die räuberischen Wenden, auch Hermann Billung besaß um das Jahr 1000 hier einen Hof, von dem aus er den Kampf gegen die Wenden führte. Es war im Jahre 835, als man die Kirche neben dem aus Findlingen erbauten Turm der Burg errichtete, entstanden die geistlichen Kalands, die sich in allen Fällen, ob mit dem Schwerte oder mit der Zunge, gegenseitige Hilfe leisteten.

Aus diesen Vorbildern entstanden dann die genossenschaftlichen Vereinigungen gleichberechtigter Bauern und Handwerker zur Förderung ihrer gemeinsamen Interessen, die sich gegenseitige Hilfe im Kampf, im Leben, in der Wirtschaft gelobten, entstand die Gilde, die TOTENGILDE: Die Brüderschaft und Schwesternschaft des Kalands unserer lieben Frauen zu Bevensen. Das war Anno 1293.


Die alte Gildelade. Sie wurde von Bürgermeister Johann Gifhorn (1677-1714) gestiftet und trägt folgende Inschrift: J.H. GIFHOREN - HOEFT - GILLAD - 1703. In der Gildelade werden noch heute alte Akten, Jahresabschlüsse, Protokollbücher, Urkunden und sonstiges wertvolles Gildevermögen verwahrt.


Es mögen zuerst nur wenige Bürger gewesen sein, die sich unter Zahlung eines festen monatlichen Betrages zusammenschlossen, um für den Todesfall gerüstet zu sein. Dann aber zog der „Schwarze Tod“, die Pest, durch das Land und in den Jahren 1348 bis 1350 wütete sie auch in Bevensen. Viele Bevenser starben und es bewies sich hier die Kraft der gegenseitigen Hilfe. Die Totengilde hatte sich bewährt.

Eines hatte man der Pest trotz des mörderischen Unheils zu verdanken: die Totengilde wurde reich. Viele die von der Pest dahingerafft wurden, schenkten ihre Güter und Ländereien der Gilde „zum Behufe der Totengilde, die Totenbretter beizeiten zu kaufen und in böser Krankheit einander beizustehen, damit ein jeder nicht seine Toten selbst begraben müßte“, heißt es in den alten vergilbten und gesiegelten Chroniken in der Lade.

Daraus entstanden die Gilde-Güter und wenn man ein Verzeichnis vom 26.05.1686 durchblättert, sieht man, wie viele Bürger, die ohne Erben starben, ihre Ländereien der Gilde vermacht haben. Hatte man nicht dafür im Gegenzug ein schönes Leichen-Laken?

Gegen eine Gebühr von 8 Schillingen wurde es dann auch noch „auswärts“ an die umliegenden Dörfer verliehen. Der Erlös hieraus und der Erlös aus den Verpachtungen und das Einkaufsgeld, das jeder Gildebruder beim Eintritt zahlen mußte, erbrachten gutes Geld. Später zahlte man ein sogenanntes Hausstättengeld, einen Gartenzins.

All diese Gelder wurden in der Totenlade in blanken Talern angesammelt und es soll oft vorgekommen sein, dass sie so schwer war, dass einer allein sie nicht forttragen konnte.


Der Gildevorstand im Jahre 1989. V.l.n.r.: Uwe Sommer, Bürgermeister Horst Eckert, Ernst Bartheidel.


Totenbretter beizeiten zu kaufen hatte die Totengilde nicht versäumt. Für alle Fälle hatte man sich Jahr für Jahr einen großen Vorrat an Tannen-Dielen hingelegt, die aber niemals, da die Bevenser nach dem Dreißigjährigen Kriege alle steinalt wurden, aufgebraucht wurden. So liest man immer wieder in den alten Rechnungen, dass Dielen an die Rademacher oder für die Anfertigung von Hausgeräten verkauft wurden; an den Schulmeister, der eine Bank vor seinem Hause haben wollte, für die Hirtenkate „an die Tür“, für das Klostertor wurden ebenfalls die sicherlich schönen und knochentrockenen Dielen ausgegeben.

Früher erhielten also die verstorbenen Gildebrüder Tannendielen zum Sarge, heute wird der Betrag in bar bzw. per Überweisung abgegolten.

„Zum Eintritt in die Gilde ist jeder Bürger des Fleckens Bevensen berechtigt, der eine der Fleckensgemeinde angehörige Reihestelle, einerlei, ob er eine sogenannte alte Bürgerstelle oder eine schon bestehende oder künftige Anbauerstelle eigentümlich besitzt, und die Ehefrau, sowie die Witwe eines solchen Bürgers. Diese Personen erwerben durch ihren Eintritt zugleich die Gildezugehörigkeit für diejenigen ihrer Kinder, welche geboren werden, nachdem beide Eltern der Gilderechte teilhaftig geworden sind. Die Kinder verlieren die Gildeangehörigkeit mit dem Erreichen des Alters der Volljährigkeit, können aber die Gilderechte wieder erwerben, wenn sie in den Besitz einer Reihestelle gelangen. Bei der Gewinnung der Gilderechte muß eine Einschreibgebühr von 40 Pf. erlegt werden. Die Mitgliedschaft erlischt ohne weiteres, wenn ein Gildegenosse nach dem Verlust der Reihestelle auch seinen Wohnsitz von Bevensen verlegt. Der Verlust trifft auch seine Ehefrau und die der Gilde angehördenden minderjährigen Kinder. Durch Rückverlegung des Wohnsitzes nach Bevensen erlangt ein früherer Gildegenosse, dessen Ehefrau und die der Gilde früher angehörenden Kinder, wenn diese noch nicht volljährig sind, die Gilderechte wieder“, so die Statuten von annodazumal.


Die traditionellen Tonpfeifen fürr das alljährliche "Gilräken" der Totengilde.


Diese Exemplare der Tonpfeifen können in einer Vitrine im Ämterzentrum (Lindenstraße 12) mit anderen Exponaten aus der Geschichte der Totengilde bewundert werden.


"Gilräken" - die Jahresmitgliederversammlung

Schon vor Erlaß der ersten Statuten war die Jahresrechnung vom Rechnungsführer dem Vorstand der Gilde vorzulegen, der Beanstandungen nach Möglichkeit ausräumte oder sie der Versammlung zur Entscheidung und Entlastungserteilung vortrug.

Die Jahreshauptversammlung nennt man „Gilräken“, ein Wort des Bevenser Platts. Sie findet jeweils am 1. Montag im Juli statt. An diesem Nachmittag bzw. Abend wird besonders altes Brauchtum lebendig.

Die Gildelade steht auf dem Tisch, geöffnet mit den drei Schlüsseln der Vorstandsmitglieder. Die beiden dreiteiligen silbernen Leuchter des Gildeschatzes brennen. Die traditionelle weiße Tonpfeife wird von den anwesenden Gildemitgliedern in Brand gesetzt, um dann im Tabakdunst die Formalitäten zu erledigen.
Die Tagesordnungspunkte werden abgehakt, um zum gemütlichen Teil des „Gilräkens“ überzugehen. Dieser wird oft bis zum frühen Morgen ausgedehnt. Auf Kosten der Gilde gibt es immer einen kräftigen Imbiss und natürlich reichlich zu trinken, denn die Einkommens- und Vermögensverhältnisse lassen eine gewisse Großzügigkeit zu.


"Gilräken" Anfang der 60er Jahre V.l.n.r.: Heinz Schulz, Ernst Bartheidel, Hans-Jürgen Hogrefe, Dreyer, Habrecht und E. Müller.


"Gilräken" in den 60er Jahren Im Vordergrund Versammlungsansager Tepper.


Die viel bespöttelten „Rekruten“ waren es, welche, just Mitglied der Gilde geworden, für das leibliche Wohl der Anwesenden der Jahresversammlung zu sorgen haben. Unter Aufsicht eines Senior-Mitgliedes gehen sie am Tage des großen Ereignisses, gebührend beachtet von alt und jung, mit einem Einkaufskorb durch die Straßen des Fleckens und der späteren Stadt, um bei den Kaufleuten, die Mitglieder sind, die erforderlichen Mengen an Proviant, wie Brot, Schinken, Mett- und Leberwurst, Käse, Tonpfeifen, Tabak usw. einzukaufen, gilt es doch den gestandenen Männern der Gilde mit einer kräftigen Mahlzeit zu dienen und somit für einen zünftigen Abschluß des Tages zu sorgen. Der Dank der Anwesenden für das opulente Mahl ist ihnen gewiss.


Die "Rekruten" unterwegs ...


... beim Einkauf bei den Kaufleuten, die Mitglieder der Totengilde sind ...


... und wieder beim "Gilräken" angekommen. V.l.n.r.: Rekrut Lühr, Einkäufer Müller, Rekrut Kühn und Rekrut Peek.


Von der Totengilde zur Traditionsgemeinschaft

Die Totengilde hatte sich im Laufe der Jahrhunderte um seine Mitglieder und Bevensen in hohem Maße verdient gemacht. Dank eines ausreichenden Grundvermögens hat sie die Geldentwertung der Jahre 1923 und 1948 glimpflich überstanden, wenngleich auch erhebliches Barvermögen verloren ging. In dieser Zeit der allgemeinen Not – auch während der Nachkriegsjahre – war die Hilfe der Gilde besonders geschätzt.

In den sechziger Jahren besserten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse, aber auch die allgemeine Teuerung machte sich bemerkbar. Während Ende der vierziger und anfangs der fünfziger Jahre die Beerdigungskosten mehrere hundert DM betrugen, waren es bald ein- bis zweitausend DM. Das Sterbegeld in Höhe von 100,-- DM stand in keinem Verhältnis mehr zu dem tatsächlichen Aufwand für eine Bestattung. Das Interesse an der Totengilde schwand. Die Zahl der Mitglieder verringerte sich.

Am 12. Juli 1948, drei Jahre nach Kriegsende, als man wieder zusammenkommen durfte, schrieb der immer noch anerkannte und von der Militärregierung entlassene Bürgermeister Gustav Möller sein letztes Protokoll über die Jahresversammung. Es waren nur wenige Mitglieder erschienen. Während der Sitzung am 4. Juli 1949 – nach Änderung des kommunalen Verwaltungsrechtes durch die Militärregierung – gehörten dem Vorstand an:
Stadtdirektor Kurt Pausch als 1. Vorsitzender, Schneidermeister Paul Lühr als 2. Vorsteher, 1. Gildeherr und Rechnungsführer sowie Tischlermeister Heinrich Reck als 3. Vorsteher und 2. Gildeherr.


"Gilräken" 1953. Neben der alten Gildelade von 1703 v.l.n.r. Vorstandsmitglied Schneidermeister Paul Lühr, Stadtdirektor Kurt Pausch und Vorstandsmitglied Tischlermeister Heinrich Reck.


Am 6. Juli 1953 wurde der ehrenamtlich tätige Bürgermeister Hermann Kiecksee 1. Vorsitzender. Nach seinem freiwilligen Rücktritt am 2. Juli 1956 folgte ihm Dr. med. vet. Fritz Riggert. Dr. Riggert hatte sich bereits in der Schützengilde hohes Ansehen erworben. Seine Absicht war es, auch der Totengilde wieder Geltung zu verschaffen, wenn es auch nicht mehr möglich war, die alten Verhältnisse wiederherzustellen.

Aufgrund der veränderten Situation gelangten Vorstand und Mitgliederversammlung zu der Auffassung, künftig mehr Tradition in den Vordergrund der Gildearbeit zu stellen. Viele Bevenser begrüßten diese Entscheidung. Neue Mitglieder drängten zur Aufnahme.
Dass nach der Währungsreform und dem enormen Geldverlust heute wieder ein ansehnliches Vermögen zur Verfügung steht, ist darauf zurückzuführen, dass sich neben den erhöhten Eintrittsgeldern in die Totengilde durch die Entwicklung Bevensens zum Heilbad Grundstückswerte und Pachten nicht unwesentlich erhöhten.
Die Umwandlung der Totengilde in eine Traditionsgemeinschaft kann als vollzogen gelten. Kameradschaft und Traditionspflege haben Vorrang, so dass es bald mehr als bisher gelingen wird, im Hinblick auf vergangene Zeiten das kulturelle Erbe zu wecken und zu pflegen. Dennoch wird satzungsgemäß weiterhin ein Sterbegeld an die Hinterbliebenen gezahlt. Der Charakter der Totengilde bleibt gewahrt.
Vorsitzender der Totengilde ist der jeweilige Bürgermeister der Stadt Bad Bevensen, sofern er seinen Wohnsitz im Kernort Bad Bevensen hat.


... und immer wieder "Gilräken"

"Gilräken" bei Dreusicke (Hotel Stadt Hamburg).


"Gilräken" mit Bürgermeister Hermann Meyer.


"Gilräken" 1988 Die Mitglieder des Vorstandes Sommer, Eckert, Bartheidel.


"Gilräken" 1994


"Gilräken" 1994


Buchtipp zum Thema "Die Totengilde - Unserer lieben Frauen Gilde" .Erschienen in der Schriftenreihe des Stadtarchivs, Heft 14, Verfasser: Wilhelm Wagenknecht. Wenden Sie sich bei Interesse bitte an den Verein.


BLICKPUNKT 04/2007: Wenn die Pfeifen qualmen - Die Bevenser Totengilde ist Deutschlands älteste Sterbekasse

Fotos: A. Springer, Stadtarchiv Bad Bevensen, H. Köhler


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