Schienenzeppelin
Das unten stehende Bild wurde am 19. Juni 1931 um die Mittagszeit aufgenommen. Es zeigt die Durchfahrt des »Schienenzeppelins« in Medingen in Richtung Bienenbüttel. Das Ereignis hatte sich im Dorf herumgesprochen und viele Schaulustige säumten die Bahnböschung. Das Schienenfahrzeug bot 32 Fahrgästen Platz.
Der Schienenzeppelin am 19. Juni 1931
um die Mittagszeit auf der Fahrt zwischen Bevensen (Medingen) und Bienenbüttel.
In den 20er Jahren breitete sich ein Geschwindigkeitsrausch unter den Eisenbahnkonstrukteuren aus. Er resultierte aus der schon damals immer deutlicher werdenden Konkurrenz des Autos. Führend für solche neuen Ideen im Fahrzeugbau war damals Franz Kruckenberg. Zusammen mit Kurt Stedefeld und Willi Black hatte er - durch den Vertrag von Versailles seines früheren Tätigkeitsfeldes im Luftschiffbau beraubt -zunächst eine propellergetriebene Hängeschnellbahn baureif entwickelt. Es fand sich jedoch niemand für die Finanzierung einer Versuchsstrecke. So beschlossen die Konstrukteure, ihre Pläne auf die konventionelle Schiene zu übertragen.
Das Ergebnis war ein mit Unterstützung der Industrie gebauter »Propellerwagen«, der von einer Luftschraube angetrieben wurde. Der Propellerantrieb und die erstmals angewandte optimale aerodynamische
Form bei Schienenfahrzeugen ließen den silberfarbenen Triebwagen bald als »Schienenzeppelin« bekannt und berühmt werden. Der Antrieb des Propellers erfolgte lediglich durch einen 550 PS starken Verbrennungsmotor.
Trotzdem stieß dieses Fahrzeug bei der Deutschen Reichsbahn auf erheblichen Widerstand. Er beruhte zum Teil auf den durchaus berechtigten Sicherheitsforderungen für den Betrieb des Fahrzeugs, zum Teil aber auch auf Emotionen und falschen Vorstellungen. So durfte der Triebwagen zunächst nur auf einem kaum benutzten Gleis in der Heide bei Hannover erprobt werden. Immerhin erreichte er schon dort mehr als 180 Stundenkilometer. Doch erst nachdem Kruckenberg in England eine Versicherung gefunden hatte, die das Risiko zu decken bereit war, ließ die Eisenbahnverwaltung eine Fahrt mit voller Geschwindigkeit auf der Strecke Hamburg-Berlin zu.
Der Schienenzeppelin auf dem Bevenser Bahnhof.
Der Schienenzeppelin auf dem Bahnhof Uelzen.
Die Hochgeschwindigkeitsfahrt von Hamburg nach Berlin fand am 21. Juni 1931 unter starken Sicherheitsvorkehrungen statt. So mussten unter anderem alle Schranken rund eine halbe Stunde vorher geschlossen werden. Ausgangspunkt der Fahrt war der Bahnhof Bergedorf außerhalb Hamburgs. Zwischen Karstadt und Wittenberge konnte der Triebwagen seine volle Leistung entwickeln, wobei er 230 Stundenkilometer erreichte und damit einen neuen Geschwindigkeits-Weltrekord aufstellte. Das Durchschnittstempo auf der 257 km langen Strecke betrug 170 km/h. Genau 98 Minuten nach dem Start rollte er im Bahnhof von Spandau aus.
Der Luftschraubenantrieb für Schienenfahrzeuge wurde für den planmäßigen Einsatz jedoch damals von der Deutschen Reichsbahn zu Gunsten anderer Projekte abgelehnt. Der »Schienenzeppelin« hatte in seiner Funktion als Wegbereiter neuer technischer Konstruktionen jedoch noch längst nicht ausgedient. Ein Jahr nach der Rekordfahrt wurde er umgebaut und erhielt das erste Flüssigkeitsgetriebe. Dieses nunmehr erste dieselhydraulische Eisenbahnfahrzeug ging im November 1934 in den Besitz der Deutschen Reichsbahn über und hat zur späteren Entwicklung der Diesellokomotiven mit hydraulischer Kraftübertragung wesentlich beigetragen.


